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Nachtrag: Warum Polemik und Denunziation?

Nachtrag zum vorhergehenden Artikel.

 

Manfred Dahlmann zu "Identifikation und Gegenidentifikation" (Hervorhebungen von mir)

 

Die bevorzugten Mittel der Kritik ergeben sich eigentlich von selbst; es sind, frei nach Marx, die Polemik und die Denunziation; konstruktiv kann diese Kritik von vornherein nicht sein. Gegen die Identifikation des Individuums mit dem Verkehrten: also mit Staat, Nation, Volk, Klasse, Partei, Eigentum etc. hilft nur der Aufbau von Gegenidentifikation, um das Subjekt in die Krise zu stoßen, die Voraussetzung ist, von diesen Identifikationen abzulassen. Die Gefahr, dass die Gegenidentifikation zur neuen positiven Identifikation gerinnt, ist gering. Denn der Kritiker verliert sofort seinen Status als Kritiker, wenn er sich gegen eine solche, über die Gegenidentifikation erneuerte Identifikation nicht sofort verwahren würde.

Und natürlich darf und muß die Gegenidentifikation symbolhaft verkürzen. Wenn die Parole "Bush, the man of peace", als stets wiedergekäuter Beleg für die angebliche Verkommenheit der "Antideutschen" in einem Buch wie dem Hanloserschen auftaucht, dann hat diese Parole ihre Probe aufs Exempel bestanden. Wie auch die offensive Identifikation mit der Flagge Israels auf antizionistisch geprägten Demonstrationen diese Probe hervorragend bestanden hat.

Wobei an dieser Stelle eine wichtige Klarstellung zu treffen ist: Es geht nicht um Gegenidentifikation an sich, nicht um Provokation um der Provokation willen, sondern um vernünftig begründbare Parteinahmen gegen den herrschenden (oder allseits ersehnten) Konsens, das heißt um eine politische Intervention, die zur Selbstreflexion zwingt. Dies allerdings gelingt, wenn überhaupt (1), nur dann, wenn der Kritiker seine Argumentation vollständig auf der Basis der Gegenidentifikation begründet. Er muß für sie mit seiner gesamten Person Partei nehmen, das heißt, er darf sich nicht taktisch verhalten. Denn nur so kann der "produktive Grund" (der Identifikation und Gegenidentifikation zugleich konstituiert) vor das Bewusstsein gelangen und, als der gesellschaftlich verkehrte, kritisiert werden. Natürlich gibt es keine allgemeinen Regeln für die politische Intervention, die dem Begriff der materialistischen Kritik gerecht werden könnten. Vieles hängt unter anderem auch vom Temperament des Kritikers ab. Da gilt es allerdings diejenigen hervorzuheben, die es sich tatsächlich antun, stellvertretend für die anderen, den ganzen Haß der in ihren Identifikationen Frustrierten auf sich zu ziehen. Um dann als "Obergurus" einer politischen Sekte denunziert zu werden. Man kann ihnen dafür nur alle Hochachtung zollen.

(1) Natürlich provoziert Gegenidentifikation statt Selbstreflexion zumeist eine rigide Abwehrhaltung, die kaum zu überbrücken ist. Dies ist in Kauf zu nehmen, zumal damit zumindest das Ziel erreicht wird, den falschen Konsens durch die tatsächliche Differenz ersetzen und letztere (siehe oben) deutlich machen zu können.

Quelle: Bahamas 47/2005 & 48/2005
19.3.07 00:38
 


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