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polemik und kritik

interessant ist die tatsache, dass man von unliebsamen zeitgenossen immer wieder zwei sich gegenseitig widersprechende kritiken an den kopf geworfen bekommt:

zum einen wäre da der vorwurf der polemik. man habe ja eigentlich gar keine argumente und keine ausgearbeitete theorie und versuche diesen umstand nun durch die nutzung von polemiken und eingestreuten zitaten zu vertuschen.

witzigerweise folgt aber auf schriftlich festgehaltenen theoretischen analysen, welche die polemiken untermauern sollen, ein erneuter vorwurf. und zwar, dass man sich durch umständliche formulierungen und fremdwörter elitär abgrenzen würde. dass man zu verkopft und theoretisch wäre, oder gar arrogant.

ressentimentbeladenen menschen kann man es nur sehr schwer recht machen, wenn sie sich einmal ein feindbild herausgesucht haben.

zur untermauerung einerseits der polemik und andererseits der verkopften theorie, habe ich zwei interessante zitate gefunden, welche nun abschließend angeführt werden sollen:


Joachim Bruhn über Polemik:

Die Kritik betreibt die Darstellung der inneren Widersprüche und des äußeren Widersinns des Kapitalverhältnisses. Die Polemik ist die einzig angemessene Darstellungsform der Kritik. Sie tut zunächst etwas, was sachlich nicht begründet scheint, weil sie kontrafaktisch die Ergebnisse des gesellschaftlichen Prozesses den Individuen als Ausdruck ihres eigenen Willens zuordnet. Sie argumentiert ad hominem. Sie packt die Verhältnisse an ihrer Wurzel, die nach Marx die Menschen selber sind. Das ist natürlich eine Unterstellung, aber eine Art therapeutische Unterstellung. Es ist der Versuch, die Aufklärung auch dort voranzubringen, wo sich gegen sie abgesondert wird. Also gerade bei der vulgären Linken.

Zum Kapital kann man sich nur polemisch verhalten, da das Kapital ein Verhältnis von Herrschaft und Ausbeutung ist. Es ist jedoch so, dass die Herrschaft des Menschen über den Menschen schon rein begrifflich ein Widerspruch ist. Wie soll denn der Mensch sich selbst beherrschen? Wer soll ihm dieses Kunststück abverlangen? Es ist ein Gebot der praktischen und theoretischen Vernunft, dass dies nicht sein soll. Das Kapital ist also eine Widervernunft in der Gesellschaft. Demnach ist ein polemisches Verhalten dem Kapital gegenüber das einzig sachlich angemessene. Sich nicht polemisch zu verhalten, verfehlt die Sache und rationalisiert, das Ganze.


Roger Behrens über komplizierte Sprache:

Diese Sprache verlangt bewusst die Anstrengung der LeserInnen. Die aufgezeigten Widersprüche lassen sich nämlich nicht durch griffige Phrasen erfassen. Die Sprache der Kritischen Theorie appeliert ganz bewusst an die Anstrengung des Denkens und möchte sich so gegen sprachliche Konventionen richten, weil Sprache immer mehr zur Reklamesprache werde.
Letztendlich können aus der Unverständlichkeit Fragen entstehen, welche zum eigenständigen Denken und Verstehen mehr beitragen als einfache Texte.

 

quellen:

roger behrend: kritische theorie (hamburg 2002)

joachim bruhn im interview mit der zeitschrift T-34, Juni 2003
14.3.07 13:18


Nachtrag: Warum Polemik und Denunziation?

Nachtrag zum vorhergehenden Artikel.

 

Manfred Dahlmann zu "Identifikation und Gegenidentifikation" (Hervorhebungen von mir)

 

Die bevorzugten Mittel der Kritik ergeben sich eigentlich von selbst; es sind, frei nach Marx, die Polemik und die Denunziation; konstruktiv kann diese Kritik von vornherein nicht sein. Gegen die Identifikation des Individuums mit dem Verkehrten: also mit Staat, Nation, Volk, Klasse, Partei, Eigentum etc. hilft nur der Aufbau von Gegenidentifikation, um das Subjekt in die Krise zu stoßen, die Voraussetzung ist, von diesen Identifikationen abzulassen. Die Gefahr, dass die Gegenidentifikation zur neuen positiven Identifikation gerinnt, ist gering. Denn der Kritiker verliert sofort seinen Status als Kritiker, wenn er sich gegen eine solche, über die Gegenidentifikation erneuerte Identifikation nicht sofort verwahren würde.

Und natürlich darf und muß die Gegenidentifikation symbolhaft verkürzen. Wenn die Parole "Bush, the man of peace", als stets wiedergekäuter Beleg für die angebliche Verkommenheit der "Antideutschen" in einem Buch wie dem Hanloserschen auftaucht, dann hat diese Parole ihre Probe aufs Exempel bestanden. Wie auch die offensive Identifikation mit der Flagge Israels auf antizionistisch geprägten Demonstrationen diese Probe hervorragend bestanden hat.

Wobei an dieser Stelle eine wichtige Klarstellung zu treffen ist: Es geht nicht um Gegenidentifikation an sich, nicht um Provokation um der Provokation willen, sondern um vernünftig begründbare Parteinahmen gegen den herrschenden (oder allseits ersehnten) Konsens, das heißt um eine politische Intervention, die zur Selbstreflexion zwingt. Dies allerdings gelingt, wenn überhaupt (1), nur dann, wenn der Kritiker seine Argumentation vollständig auf der Basis der Gegenidentifikation begründet. Er muß für sie mit seiner gesamten Person Partei nehmen, das heißt, er darf sich nicht taktisch verhalten. Denn nur so kann der "produktive Grund" (der Identifikation und Gegenidentifikation zugleich konstituiert) vor das Bewusstsein gelangen und, als der gesellschaftlich verkehrte, kritisiert werden. Natürlich gibt es keine allgemeinen Regeln für die politische Intervention, die dem Begriff der materialistischen Kritik gerecht werden könnten. Vieles hängt unter anderem auch vom Temperament des Kritikers ab. Da gilt es allerdings diejenigen hervorzuheben, die es sich tatsächlich antun, stellvertretend für die anderen, den ganzen Haß der in ihren Identifikationen Frustrierten auf sich zu ziehen. Um dann als "Obergurus" einer politischen Sekte denunziert zu werden. Man kann ihnen dafür nur alle Hochachtung zollen.

(1) Natürlich provoziert Gegenidentifikation statt Selbstreflexion zumeist eine rigide Abwehrhaltung, die kaum zu überbrücken ist. Dies ist in Kauf zu nehmen, zumal damit zumindest das Ziel erreicht wird, den falschen Konsens durch die tatsächliche Differenz ersetzen und letztere (siehe oben) deutlich machen zu können.

Quelle: Bahamas 47/2005 & 48/2005
19.3.07 00:38





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